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europa
"Unbedingt europäisch ist alles, was von drei Quellen - Athen, Rom und Jerusalem - herrührt."
(Paul Valéry,
1871-1945)

Berlin, 4. Mai 2002



Bericht über die Lehrerfortbildungsveranstaltung in Berlin, 4. Mai 2002 (10-20 Uhr)

"Athen - ein Blick hinter die Kulissen der 'Griechischen Klassik'"

Die von AGE e.V. in eigener Regie veranstaltete Tagung fand im direkten thematischen Kontext mit der großen Berliner Ausstellung "Die griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit" (Martin-Gropius-Bau, 1.3.-2.6.02) statt.

Das Tagungslokal, der Kopfsaal der Abgußsammlung antiker Plastik nahe dem Schloß Charlottenburg, eignete sich mit seiner künstlerisch-akademischen Atmosphäre ganz ausgezeichnet für die Veranstaltung, deren Zielsetzung es war, aus althistorischer bzw. schulpraktischer Sicht das Phänomen der 'Klassik' zu hinterfragen. Der Hausherr Dr. Klaus Stemmer hatte die Freundlichkeit, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu begrüßen. Unter den anwesenden 45 Personen waren nicht nur zahlreiche Schüler aus Celle mit ihrem Lehrer Dr. Detlef Fechner (am Vormittag), sondern auch nicht wenige AGE-Mitglieder aus dem süddeutschen Raum, die sich an die Spree hatten locken lassen. Dank der organisatorischen Hilfe durch Herrn Manfred Schmitz (Schulamt) stand den Referenten ein Tageslichtprojektor für illustrierende Folien zur Verfügung und wurde eifrig benutzt.

Schon der erste Vortrag, den Prof. Dr. Walter Eder von der Ruhr-Universität Bochum sehr anschaulich über "Ostrakismos - Demokratie ohne Opposition?" hielt, führte zu einer lebhaften Diskussion zur Frage der Informiertheit der athenischen Volksversammlung und der athenischen Ratsherren sowie überhaupt über die Definition resp. Existenz von "Demokratie". Im zweiten Vortrag führte Frau Katja Gorbahn aus Freising bei München anhand dreier gängiger Schulbücher vor, wie "Athen in aktuellen Schulbüchern für die Sekundarstufe I" in eigentlich unangemessener und die Schüler eher irritierender Weise als ein 'modernes' politisches Regime dargestellt wird. Auch wurde deutlich, wie in den verwendeten Modellen und Schaubildern die unserer eigenen Demokratie fremdartigen - und z.T. auch unerwünschten - sog. basisdemokratischen Elemente ignoriert bzw. sehr mißverständlich präsentiert werden.

In einen anderen, aber gleichwohl sehr gut an die Debatte über das moderne Verständnis von athenischer Demokratie anschließenden Bereich der Rezeption von 'Klassischem' begab sich dann Prof. Dr. Hans Kloft von der Universität Bremen. Er zeigte unter dem Titel "(Un-) demokratisches Gelächter - zur Rezeption der aristophanischen Komödien im 19. Jahrhundert" auf, wie in der Nach-März-Zeit die biedermeierliche und dann wilhelminische Wahrnehmung bemüht war, die lebensfreudige, lustbetonte Prallheit der aristophanischen Alltagswelt etwa hinter ’anständigen' Übersetzungen zu verstecken. Überzeugend - und seinerseits immer wieder (demokratische!) Heiterkeit hervorrufend - analysierte er eine damalige pseudoaristophanische Komödie aus der Feder eines zeitkritischen Gelehrten ("Die Schwalben"), deren Anliegen es war, sowohl Ultramontane wie Kommunisten als Extremisten vorzuführen, die dem guten, da an klassischen Idealen orientierten Bürgertum nur gefährlich sein konnten (wie einst die 'Ekklesiazusen' den braven Athenern).

Auch nach der Mittagspause wurde die Aufmerksamkeit der Tagungsgruppe auf das klassische Drama gelenkt, diesmal auf die Tragödien, in Sonderheit auf die "Hiketiden" des Aischylos, nämlich von Prof. Dr. Martin Dreher (Universität Magdeburg), der zumal mit instruktiven Vasenbildern auf die archäologische Ergänzung am frühen Abend vorauswies. Indem er anhand des genannten literarischen Materials nach "Tempelzuflucht und Asyl im klassischen Athen: Die Tragödien und die Wirklichkeit" fragte, kam bereits die reale Asyl-Praxis, in den Blick, wie sie in zahlreichen athenischen Inschriften bezeugt ist. Derartige epigraphische Dokumente standen im anschließenden Referat von Prof. Dr. Linda-Marie Günther (Ruhr-Universität Bochum) im Mittelpunkt, als es um "Athen im 4. Jh. v.Chr. - Exilort für politische Flüchtlinge" ging. Die Referentin betonte die politischen Interessen der Athener an der Aufnahme gerade derjenigen hilfesuchenden Verfolgten, die ihrer proathenischen Gesinnung wegen aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Diese Sichtweise minimiert die handlungsleitende Rolle einer spezifischen Humanitätsidee im Umgang mit den Asylsuchenden, die den Athenern anachronistisch zugeschrieben wird. Dazu gab es eine lebhafte, von Herrn Eder geleitete Diskussion, die nahtlos in die "Überlegungen zur schulpraktischen Umsetzung" überging.

Hierbei wurde deutlich, daß man gerade die athenische - bzw. allgemein die griechische - Geschichte des 4. Jahrhunderts v.Chr. (vor Alexander!) nicht länger so stiefmütterlich behandeln sollte. Vielmehr wäre es - zumal bei zweifellos fortzusetzender Akzentuierung der Demokratie als der spezifischen Leistung der 'klassischen Griechen' - geboten, die übliche Beschränkung auf das eher problematische 5. Jahrhunderts zu differenzieren. Nicht zuletzt wäre auch die 'Blüte der klassischen Kunst' als schönste Frucht der athenischen Demokratie zu hinterfragen und nach den tatsächlich kontinuierlichen aristokratischen Wurzeln der kulturellen Ausnahmephänomene des 5. Jahrhunderts zu suchen. Nicht alle Teilnehmer konnten sich dieser Position anschließen - daraus entstand ein reger Gedankenaustausch.

Um 18 Uhr 30 wurde die Tagung fortgesetzt und abgeschlossen durch den letzten Programmteil, der nunmehr im Gropius-Bau stattfand: In drei Gruppen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung von angehenden Archäologinnen des Museumspädagogischen Dienstes jeweils eine Stunde lang durch die Ausstellung geführt.

Die verschiedenen Themen waren: "Das Klassische Theater in Athen", "Landwirtschaft, Handwerk, Bergbau" und "Klassizismus im 20. Jahrhundert". Auch hier ergaben sich in den kleinen Gruppen immer wieder interessante Diskussionen, von denen die Archäologinnen hin und wieder überrascht gewesen sein mochten; die eine oder andere ließ sich aber durchaus stimulieren. Mit ausreichend Zeit zur individuellen Betrachtung der - in der Tat großen, freilich primär von der 'Klassik' der Archäologen her konzipierten - Ausstellung klang die Tagung dann aus.

Rosmarie Günther
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